Meine Motorradreise von der Insel Hiddensee nach Südostasien

Mein Vorhaben, mit dem Motorrad einmal von der Insel Hiddensee nach Südostasien zu reisen, hat eine kleine Vorgeschichte. Nach dem Ende meines Arbeitslebens auf See, auf Hiddensee und in Kroatien zog es mich dorthin, wo ich mich in der Seefahrtszeit am wohlsten gefühlt habe - nach Südost-Asien. Als ich 2004 in Kroatien meine Arbeit aufnahm, sah ich, wie schön der Balkan ist und dass er sicherlich viele schöne Reiseziele zu bieten hat. Ich erinnerte mich an meine Motorrad-Erfahrungen meiner Jugend, und legte mir eine der legendären HONDA AFRIKA TWIN zu. Zu hoch, zu schwer für mich Wicht aber ein toller Reisegefährte auf unzähligen schönen Touren zwischen Zagreb und Istanbul. Und wenn es einen nach Südostasien zieht - wie anders kann man da reisen, als auf zwei Rädern ? Inzwischen liegen einige Ausflüge hinter mir, je nach Situation und Möglichkeiten mit Motorrollern oder Enduros.

Von Hiddensee in die Türkei

 

   2009 - Vietnam

   2010 - Vietnam und Kambodscha

   2010 - Libanon, Syrien und Jordanien

   2011 - Südamerika, was gleich zu Beginn in einem Fiasko endete

   2013 - Laos und Bali

   2015 - Thailand, Malaysia und Singapore

   2017 - Türkei, Iran, Pakistan, Indien, Nepal (?) . . .

Im Nahen Osten war ich zum letzten Mal mit meiner Afrika Twin unterwegs. Besonders diese Reise ist mir unvergesslich - eine Welt, die mir bis dahin völlig fremd war. Trocken, karg, voller Geschichte mit herzlichen Menschen, die mühselig ihr Leben meistern. Die Erfahrung, wie wunderschön karge Landschaften oder Wüsten sein können, habe ich vor vielen Jahren zusammen mit Marianne in der Atakama-Wüste in Chile machen können. Das Samenkorn für einen so langen Ritt von zu Hause nach Südostasien wurde 2013 in Laos gelegt. Dort traf ich den tollen Burschen Akosh Nemed aus Ungarn auf (m)einer Afrika Twin. Er war in Ungarn aufgebrochen und nach 13 Monaten in Laos angekommen. Er wollte weiter, solange das Geld reicht, das er auf amerikanischen Kreuzfahrtschiffen als Barkeeper verdient hatte.


Auf allen Reisen habe ich Reiseberichte in Form von Emails an die Familie, Freunde und Interessierte geschrieben. Es hat mir immer Spaß gemacht, mich abends, nachdem der Staub abgespült, die Klamotten flüchtig ausgewaschen und ausgewrungen irgendwo zum Trocknen bis zum nächsten Morgen hingehängt hatte, Hunger und Durst gestillt waren, an einen Rechner zu setzten und den/die letzten Tage zu verarbeiten. Das geht auch nur so, wenn man alleine reist, so wie ich es mag auf solchen Touren. Diesmal werde ich es anders machen, falls ich es hinbekomme. Mein Freund und Nachbar Jörg hat mir geholfen, diese Internetseite zu bauen und zurzeit versuche ich zu begreifen, wie ich sie mit Leben füllen kann. Ich denke, dass sich selbst so eine einfache Internetseite wie diese, aussagekräftiger und ansprechender gestalten lässt, als eine Email, die man anderen, "auf´s Auge drückt". Auch wenn´s dann im www. abgelegt wird, werden meine Erzählungen immer einen persönlichen Charakter behalten, so als würde ich Euch (mehr oder weniger) interessierten Leser direkt ansprechen. Vielleicht ersetzt diese Art mich mitzuteilen, das Bedürfnis der meisten Menschen, die sich das Alleinreisen gar nicht wagen vorzustellen, z.B. weil sie den "Austausch" vermissen u.v.a. mehr. Am Tage habe ich den Austausch auch sehr gut mit mir selber - und an den Abenden habe ich ja Euch irgendwo da zu Hause ... Ja, alleine zu reisen ist nicht jedermanns Sache. Meine schon. Für mich ist so eine Reise etwas Besonderes, die nicht durch permanente Abstimmungen und Kompromisse und am Ende Unstimmigkeiten getrübt werden soll. Mit Nehmed bin ich eine Weile zusammen gefahren. Da trafen bei der kurzen Zeit diese Dinge nicht zu aber er war schwer beladen und ich leicht, kurvte vorne elegant um die Schlaglöcher, immer in den Rückspiegel schauend und wartend. Er hätte vielleicht auch mal gerne angehalten an interessanter Stelle, an der ich vorbeigefahren war u.s.w. Auch wenn man nur zu zweit unterwegs ist, reist man als eine "kleine Gruppe" , die in sich geschlossen ist und man hat nicht so sensibel die "Antennen" auf sein Umfeld ausgerichtet. Dafür muss ich allerdings auch alle meine Fehler alleine ausbügeln. Und wenn man Hilfe braucht - so meine Erfahrung - die bekommt man am besten von hilfsbereiten lokalen Menschen.

Diese Reise wollte ich ja schon im vergangen Jahr machen, sie mir zu meinen 70. Geburtstag schenken und den dann irgendwo auf halber Höhe am Himalaya feiern. Daraus wurde damals nichts - die böse Krankheit kam dazwischen. Die scheine ich nun hinter mir gelassen zu haben - jedenfalls sagte mir das der Onkel Doktor vor ein paar Tagen und wünschte mir eine schöne Reise, auf die er gerne mit seiner Maschine mitgekommen wäre. Nun sollte dem baldigen Start, dem ich nun mit (etwas banger) Freude entgegen sehe, nichts mehr im Wege stehen.

 

 

Vorbereitung

Mein fahrbarer Untersatz

 

Beta ALP 4.0 kennt niemand, kannte ich vorher auch nicht. Mein Cousin Wolfgang (Motorrad-Enthusiast seit 60 Jahren) rief mich vor zwei Jahren an, ein Freund hätte DIE Maschine nach der ich suche. Eine Probefahrt überzeugte mich sofort. Agil, leicht, nicht so hoch wie sonst Enduros, luftgekühlter 350ccm-Ein-Zylinder-Vergaser-ZUZUKI-Motor. Die italienische Firma BETA baut Wettbewerbs-Geländesportmaschinen und hat um den altbewährten japanischen Motor eine hübsche handliche allround-Enduro gebastelt. Sie ist gut für die Straße und schwierige Pisten aller Art. Für so eine Tour, wie meine war sie wohl nicht konzipiert, denn sie hat nur 10 Liter Tankinhalt, was für max. 250km reicht.

 

 

Viele Stunden habe ich im Winter in der kalten und zugigen Scheune gebastelt, um alles nach meinen Wünschen zu haben. Es ist erstaunlich, was einem Bastler alles so einfällt, dem so eine Reise im Kopf herum geistert. Es sind schöne kleine Lösungen dabei herausgekommen fürs Gepäck, Werkzeug, Ersatzteile, Sicherheit, Elektrik, Licht usw. Unterwegs, wenn ich mal nichts zu schreiben weiß, werde ich den Technik-Interessierten ein paar Dinge vorstellen. Hierzu erst mal nur ein paar Bilder.

Ostern - schöner Abschied von der Familie und Eignungstest

 

 

 

Lakshmipur, der 30.12.2017

 

 

 

In Barishal blieb ich zwei Nächte. Nicht nur, weil ich eine Einladung zum Enten-Essen beekam für den nächsten Tag sondern weil ich einem Problem meiner Maschine auf die Spur kommen. Nein, der Rahmen war´s diesmal nicht, obwohl er auch in Frage kam. Ich will nicht langweilen; deshalb nur: ich bin wieder fahrbereit.

 

Am Abend meiner Ankunft bekam beim Tippen permanent Besuch in meiner Buchte. Da sie gleich hinter dem Eingang von der Straße aus lag, war es für meine Gäste einfach, schnell mal durch die Blech-Tür reinzukommen und mit einem Selfi wieder zu verschwinden. Gegen 23:00 kamen dann besser gekleidete Herren, die mich begrüßen wollten. Es waren der Bürgermeister der Stadt und der verwandte Hotelbesitzer mit ihrem Tross, die mir den Bürgermeister als ihren „Großen Bruder“ vorstellten.

 

 

Das muss ich erklären. Es gibt „Bruder“ und „Großen Bruder“. Zum ersten Mal hörte ich durch Abbas in Islamabad von seinen „Brüdern“ und seinem „Großen Bruder“. Brüder sind Freunde, die es wert sind, Bruder genannt zu werden. Der Große Bruder ist eine Respektsperson und wenn man in seiner Gunst steht, darf man ihn glücklich „Großer Bruder“ nennen und sich darin sonnen. Der Große Bruder von Abbas war der Generaldirekter pakistanischen Highway-Behörde und – gelinde gesagt – ein Arschloch. Er hätte in der Position die Möglichkeit Abbas aus seiner unglücklichen beruflichen Lage herauszuholen, hat es aber nicht. Übrigens bekam ich von Abbas vor einer Woche die Nachricht, dass es einen Führungswechsel gab, auf den er gehofft hatte (Inschala!). Nun ist er glücklich Assistant Director in SINDH, seiner Heimat, zwei Busstunden von Eltern und Brüdern entfernt. Er ist sehr glücklich darüber und ich freue mich mit ihm. In Islamabad hat er sich ohne seinen guten Job beim Minister für Kommunikation nicht wohl gefühlt. Mein kleiner Bruder nennt mich auch manchmal Großer Bruder aber immer mit so einem gewissen Grinsen. Sonst tut mir niemand zu Hause niemand diese Ehre an. Hier manchmal, aber davon habe ich am nächsten Tag dann schon nichts mehr.

 

Die Route

Ja, dazu gibt´s (noch) nicht viel zu sagen, denn ich starte mit einem ziemlich groben Plan - entlang der südlichen Seidenstraße. Der Anfang wird etwas unrühmlich. Meinen Segelfreunden habe ich wegen meiner Tour nach 20 Jahren zum ersten Mal unsere Adria-Regatta abgesagt. Nun machen sie dafür mit ihren Frauen einen Vergnügungstörn durch die herrliche kroatische Inselwelt. Helmut fährt mit dem Bus und nimmt am 05. Mai meine Maschine mit runter und liefert sie in Zagreb auf der Kläranlage ab. Ich möchte mich noch bei der Seebestattung am Ruden von unserer Schwester Sabine verabschieden, die am 1. April am Hirntumor verstarb und meinem Enkel Henning zur Jugendweihe Glück wünschen.

 

So fliege ich am 08. Mai hinterher. Also beginnt meine Reise eigentlich erst in Kroatien und wegen eines abgebrochenen Zahnes 14 Tage später als geplant. Ich wollte mir die 1.600 km Hiddensee-Zagreb auf Autobahnen sparen, auf denen ich mir nur die Reifen rechteckig gefahren hätte. Ich kenne viele schöne Routen zwischen Zagreb und Istanbul. Vielleicht nehme ich aber wegen der verspäteten Abreise die schnellste. Durch die Türkei will ich am Schwarzen Meer entlang fahren. Für den Iran und Pakistan habe ich jeweils ein vier-Wochen-Visum. Indienvisum läuft noch. Ich habe zur Sicherheit die maximal mögliche Zeit für 12 Monate beantragt. Hier kommt die häufig an mich gerichtete Frage auf, "wie lange bleibst Du denn?". Ich weiß es nicht, besser: nicht so genau. Wenn alles gut geht, werde ich wohl im späten Herbst über Myanmar nach Südostasien einreisen, wenn mich der erste Schnee vielleicht aus den Bergen von Assam vertreibt. Die Reise hängt von so vielen Dingen ab, die ich von hier aus und jetzt nicht einschätzen kann. Kälte, Hitze, Monsun-Regen mit Überschwemmungen, unbefahrbaren Pisten, Behörden, Genehmigungen, Pannen, Grenzen, Hunger, Durst, kein Sprit im Tank, keine Kraft oder Lust mehr, Frust... Vielleicht kehre ich ja auch irgendwo um, weil es nicht weitergeht. Auch hier kann es eine Menge Gründe geben. Dann wäre das auch in Ordnung, wenn ich nur heil und gesund zurück käme. Also lasst Euch überraschen - wie ich mich auch.

 

Ich muss gestehen, mit dem Ländern habe ich mich bisher vor allem im Hinblick auf Organisatorisches, Sicherheit usw. befasst, Berichte von anderen Verrückten gelesen. Landkarten bis Myanmar habe ich, Reiseführer gibt´s unterwegs im Internet, wo man ohnehin so ziemlich alles erfahren kann.Geimpft bin ich ausgiebig - gegen alles - außer gegen Tollwut, die im Norden Indiens ein Problem sein soll, wie ich gerade erfuhr.

 

Was noch?

Ich warte auf mein Handy. Das liegt noch in Hong Kong in der Spedition, Kai repariert mein kleines Laptop in Riga und will es mir schicken, vom sehr freundlichen Herr Zeidan von VISABOX in Berlin erwarte ich noch meinen Reisepass, wenn das Indien-Visum drin ist, Visumanträge für die asiatischen Länder muss ich noch vorbereiten und abschicken, der Zahn muss wieder drauf und ich muss noch eine Menge regeln, bevor ich aufbreche. Probepacken habe ich schon mal gemacht.

 

Ich habe mir vorgenommen langsam zu reisen und zu bleiben, wo es mir gefällt. Mal sehen, ob es mir gelingt und ob die Umstände mir die Chance dazu geben.

 

So, ich denke, es ist alles gesagt, was ich vor der Abreise los werden wollte und der Umgang mit meiner Internetseite war gut zum Üben. Trotzdem habe ich noch allerhand Probleme damit. Dann also bis zum ersten Reisebericht, vielleicht Mitte Mai.

 

Euer Friedrich

 

Hiddensee, am 23.April 2017